Beim Italiener im Regal hat Weißwein oft nur eine Farbe. Pinot Grigio, Pinot Grigio, Pinot Grigio. Das hat weniger mit Geschmack zu tun als mit Menge: Pinot Grigio delle Venezie ist die größte Weißwein-DOC Italiens, rund 27.000 Hektar in Venetien, Friaul und Trentino, im Schnitt 230 Millionen Flaschen pro Jahr. Nach Zahlen des Konsortiums sind das 85 Prozent des italienischen und 43 Prozent des weltweiten Pinot Grigio. Wer so viel Ware hat, füllt Regale.
Dagegen ist nichts zu sagen. Ich verstehe den Reflex. Man will einen kühlen, unkomplizierten Weißen, man kennt den Namen, man greift zu. Nur liegen im gleichen Preisfach drei italienische Weiße, die dir erzählen, wo sie herkommen. Und der Spätsommer ist die beste Zeit dafür, weil das Essen sich gerade dreht: weniger Salat, mehr Ofen, erste Pilze, Kürbis am Rand.
Lugana: Turbiana vom Südufer des Gardasees
Lugana ist keine Rebsorte, sondern ein Gebiet. Es liegt am Südufer des Gardasees, umfasst die ganze Gemeinde Sirmione und Teile von Peschiera del Garda, Desenzano del Garda, Lonato del Garda und Pozzolengo. Damit liegt es auf zwei Regionen, Venetien und Lombardei. Die Grenzen stehen seit 1967 unverändert.
Die Rebsorte heißt Turbiana, lokal Trebbiano di Lugana, und ist heute als Synonym des Trebbiano di Soave geführt. Das Regelwerk verlangt mindestens 90 Prozent davon, bis zu zehn Prozent andere nicht aromatische weiße Sorten sind erlaubt. Fünf Typen sind zugelassen: Lugana, Superiore, Riserva, Vendemmia Tardiva, Spumante. Ein „Lugana Classico" oder „Lugana Frizzante" gibt es nicht. Wenn du das auf einer Flasche liest, stimmt etwas nicht.
Stilistisch ist der einfache Lugana der ruhigste der drei. Weniger Zitrus als ein Vermentino, mehr Kern und mehr Länge, oft ein leicht mandeliger Ton im Nachhall. Er hat Körper, ohne breit zu werden. Genau das macht ihn zum Essensbegleiter im Spätsommer: Er hält Butter, Sahne und Ofenhitze aus. Kalbsschnitzel in der Pfanne, Risotto mit Zucchini, Forelle mit brauner Butter, Käseplatte ohne die scharfen Sachen. Im deutschen Handel ist Lugana breit verfügbar. Grob geschätzt aus meiner eigenen Regalbeobachtung liegen die einfachen Basisweine meist bei acht bis vierzehn Euro, Superiore und Riserva darüber. Mehr zum Gebiet steht im Hub Lugana.
Vermentino: Granit, Küste, Kräutersalz
Vermentino ist der Gegenpol. Die Sorte wächst auf Sardinien, in Ligurien, in der Toskana und der Maremma, dazu auf Korsika. Sie reist unter Zweitnamen: In Südfrankreich heißt sie Rolle, im Piemont Favorita, in Ligurien läuft Pigato als Verwandter mit. Wenn du also einen Weißen aus der Provence magst, kennst du die Sorte längst.
Die strengste Herkunft ist Vermentino di Gallura im Nordosten Sardiniens, per Dekret vom 11. September 1996 zur DOCG erhoben, mit mindestens 95 Prozent Vermentino. Das Gebiet liegt fast vollständig in Olbia-Tempio, mit Ausläufern in die Provinz Sassari, auf verwitterten Granitböden am Wind. Sardinien allgemein findest du unter Sardinien, die Sorte unter Vermentino.
Typisch ist ein salziger, fast bitterer Zug am Gaumenrand, Grapefruitschale, getrocknete Kräuter, manchmal ein Hauch Fenchel. Der Wein ist meist knochentrocken und wirkt kantiger als Lugana. Das ist keine Schwäche. Das ist die Eigenschaft, die ihn zum besten Fischwein der drei macht. Nimm ihn zu allem, was aus dem Meer kommt und Zitrone verträgt: gegrillte Sardinen, Vongole, Tintenfisch, Muschelsud. Auch zu Pesto funktioniert er, weil das Salz die Basilikumbitterkeit auffängt. Preislich sehe ich einfache Vermentino aus Sardinien und der Maremma grob zwischen sieben und dreizehn Euro, Gallura-DOCG-Flaschen tendenziell am oberen Ende.
Pecorino: 1982 in tausend Metern Höhe wiedergefunden
Pecorino hat die beste Geschichte, und sie ist belegt. Die Sorte ist in Arquata del Tronto in der Provinz Ascoli Piceno heimisch, also in den Marken, direkt an der Grenze zu den Abruzzen. Anfang der 1980er war sie fast weg. Der Winzer Guido Cocci Grifoni hatte in alten Agrartexten von ihr gelesen und suchte sie; 1982 fand er bei einem Bauern einen Weinberg in gut 1.000 Metern Höhe, pfropfte im Jahr darauf Stecklinge auf rund hundert Unterlagen in Offida, und die erste reinsortige Vinifikation datiert auf 1990.
Eine Rebsorte, die fast verschwunden war, steht heute in fast jedem gut sortierten Regal.
Der Rest ist Fläche. Um das Jahr 2000 gab es in ganz Italien nur 87 Hektar Pecorino; in den Abruzzen stehen heute rund 1.260 Hektar. Offida wurde 2001 DOC und 2011 DOCG, dort braucht Offida Pecorino mindestens 85 Prozent der Sorte, und dieselbe Untergrenze gilt für Pecorino als Sortenwein unter der Abruzzo DOC. Zur Region: Abruzzen.
Im Glas liegt Pecorino zwischen den beiden anderen und hat trotzdem eigenen Charakter. Mehr Kraft als Vermentino, mehr Frische als Lugana, häufig eine grüne Note Richtung Anis oder Zitronenmelisse und eine markante Säure. Er ist der Wein, mit dem du an den Tisch gehst, wenn das Essen nicht eindeutig ist. Pasta mit Zucchini und Minze, Hähnchen vom Blech, Ricotta, gebratene Auberginen, auch mal Pizza Bianca. Grob geschätzt liegen die Basisflaschen bei acht bis dreizehn Euro. Verwechsle die Sorte nicht mit dem Käse, und verwechsle sie auch nicht mit Trebbiano; mit dem hat sie außer der Nachbarschaft nichts zu tun.
Welche Flasche wann in den Wagen kommt
Ich mache das nach dem Essen, nicht nach dem Namen. Fisch, Muscheln, alles mit Zitrone: Vermentino. Butter, Sahne, Ofen, Käse: Lugana. Gemüse, Kräuter, Geflügel, unentschiedene Teller: Pecorino. Wenn Gäste kommen und du nicht weißt, was auf den Tisch kommt, ist Pecorino die sicherste Einzelentscheidung.
Und wenn du sowieso im Laden stehst, kauf nicht sechsmal dasselbe. Ich halte es beim Weißwein wie beim Rest: lieber sechs verschiedene Flaschen als einen Karton von einer. Der Vergleich am eigenen Tisch bringt dir mehr bei als jede Verkostungsnotiz, meine eingeschlossen. Zwei Gläser nebeneinander, gleiche Temperatur, gleiches Essen. Danach weißt du, welche der drei zu dir gehört. Und Pinot Grigio darf ruhig weiter dabei sein, nur eben nicht als Standardantwort. Wer bei Grau lieber deutsch bleibt, findet unter Grauburgunder die Alternative, und die Kategorie insgesamt liegt unter Weißwein.
Ein praktischer Hinweis zur Temperatur. Alle drei leiden im Spätsommer eher an zu kalt als an zu warm. Neun Grad machen Lugana stumm. Zehn bis zwölf Grad reichen, dann kommt die Textur mit.
Kurz gesagt
- Lugana ist ein Gebiet am Südgardasee, mindestens 90 Prozent Turbiana. Ruhiger Körper, mandeliger Nachhall, der Wein für Butter und Ofen.
- Vermentino kommt aus Sardinien, Ligurien und der Maremma, in Gallura seit 1996 als DOCG mit mindestens 95 Prozent. Salzig, kantig, der Fischwein der drei.
- Pecorino war Anfang der 1980er fast ausgestorben und ist heute in Offida DOCG und Abruzzo DOC bei mindestens 85 Prozent geregelt. Kraft plus Säure, der flexibelste am Tisch.
- Preisspannen im Handel sind meine grobe Einschätzung, keine Erhebung. Alle drei findest du im gleichen Fach wie Pinot Grigio.